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Natürliche Sprachentwicklung oder Sprachverfall?

Sprachentwicklung

Die Sprachentwicklung des Deutschen ist seit langem Gegenstand hitziger Debatten. Die wohl erste sprachliche Normierung fand nicht durch die Linguistik, sondern viel früher statt. Durch Martin Luthers Übersetzung der Bibel ins Deutsche nämlich. So bekamen die Menschen zum ersten Mal den damals wichtigsten Text in deutscher Sprache präsentiert. Die von ihm verwendete Sprache wurde nachgeahmt und floss vielfach in die Sprachentwicklung ein, die damit natürlich noch lange nicht vorbei war. Im patriotischen 19. Jahrhundert wurde die Nationalsprache als Merkmal der deutschen Einheit angesehen, die politisch bis 1871 noch nicht bestand. Dichter wie Goethe und Schiller wurden auf ein Podest gestellt und als Nationalhelden verehrt. Damals entstand auch der Fremdwortpurismus. Was mit einem deutschen Wort gesagt werden konnte, sollte nicht mehr mit einem Fremdwort ausgedrückt werden. Für viele Wörter wurden sogar deutsche Neuwortprägungen erfunden, die wir heute noch kennen, z. B. Fernsprecher für Telefon. Nachwehen davon sind heute noch zu spüren.

Sprachentwicklung – was ist das eigentlich?

Viele Kritiker wittern noch heute in jeder sprachlichen Veränderung keine natürliche Sprachentwicklung, sondern einen Sprachverfall. Dabei hat die Sprachwissenschaft längst erkannt: Die Wirklichkeit der Sprachentwicklung ist stärker als alle politischen oder anderen Versuche, die Sprache zu erhalten. Jede Sprachstufe, also sprachliche Epoche, ist nur eine Phase, die permanenter Veränderung durch Sprachentwicklung unterworfen ist und vergeht.

Welche sprachlichen Erscheinungen werden kritisiert?

Vor allem bei der Jugendsprache, die nicht selten von jugendlichen Migranten und der Rap-Sprache mit beeinflusst ist, wird Sprachverfall gewittert: “ischwör” oder Verknappungen beim Satzbau “Isch geh’ Arbeit” statt “Ich gehe zur Arbeit” werden aufs Korn genommen. Auch eine häufige Angriffsfläche in der Sprachentwicklung sind die Anglizismen, die heute meist aus Amerika kommen. Nicht nur Wörter, die wichtig sind, werden importiert (Computer, Internet), sondern auch Begriffe, die sich durch deutsche Wörter ersetzen ließen: z. B. Box statt Strafraum. Durch einen einzigen Begriff wie z. B. cool werden so viele positive Gefühle und Meinungen ausgedrückt, dass Wörter wie angenehm, nett, sympathisch, ordentlich, vernünftig etc. weniger geübt werden. Wie auch immer Sie über die Sprachentwicklung denken: Sie lässt sich nicht aufhalten. Die Realität bestimmt, wo es mit der Sprache hingeht – nicht die Sprachhüter.

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