Darf ich in meiner Arbeit schreiben, was ich denke? Wo gehört eine Bewertung hin, wie formuliere ich sie – und was gilt als Eigenleistung, wenn ich „nur" Literatur auswerte?
Eine eigene Meinung in der wissenschaftlichen Arbeit ist erlaubt – aber nur als begründete Bewertung, nie als Bauchgefühl. „Ich finde Homeoffice besser" hat in Hausarbeit, Bachelor- oder Masterarbeit keinen Platz. „Die ausgewerteten Studien sprechen dafür, dass Homeoffice bei konzentrierter Einzelarbeit die Produktivität steigert" ist dagegen genau die Eigenleistung, die Ihr Gutachter sucht.
Schnelltest für jeden Satz: Fragen Sie sich „Woraus folgt das?". Zeigt die Antwort auf ein Kapitel, eine Quelle oder Ihre Daten, darf der Satz bleiben. Lautet sie „weil ich es so sehe", streichen oder belegen Sie ihn.
Die meisten Unsicherheiten entstehen, weil zwei Dinge verwechselt werden. Gutachter verlangen Eigenleistung – und lehnen Meinung ab. Beides klingt ähnlich, unterscheidet sich aber in einem Punkt: Eigenleistung lässt sich nachprüfen, Meinung nicht.
| Eigene Meinung | Eigenleistung |
|---|---|
| „Ich finde, dass …" | „Die Analyse zeigt, dass …" |
| stützt sich auf Überzeugung oder Erfahrung | stützt sich auf Daten, Literatur und Logik |
| für Leser nicht überprüfbar | Schritt für Schritt nachvollziehbar |
| steht für sich allein | verweist auf das Kapitel, aus dem sie folgt |
| „Meiner Meinung nach ist Homeoffice besser." | „Bloom et al. (2015) messen im Homeoffice eine um 13 % höhere Leistung; für Tätigkeiten mit viel Abstimmungsbedarf fehlen vergleichbare Befunde." |
Nicht jedes Kapitel verträgt eine Bewertung. Wo sie erwartet wird und wo sie stört, zeigt die Übersicht – sie gilt für Hausarbeit und Masterarbeit genauso.
Ergebnisse deuten, mit der Literatur abgleichen, Widersprüche erklären. Hier liegt der Kern Ihrer Bewertung.
Die Forschungsfrage beantworten und Position beziehen – abgeleitet aus den Kapiteln davor.
Theorien, Modelle oder Methoden anderer bewerten – mit Gegenargumenten und Belegen.
Kurze Einordnung einer abweichenden Position, die den Lesefluss im Haupttext stören würde.
Zwei, drei Sätze zur persönlichen Motivation, sofern Ihr Fach das zulässt. Danach: Fragestellung und Aufbau.
Bei Interviews oder teilnehmender Beobachtung offenlegen, welche Rolle Sie selbst im Feld hatten. Bei quantitativen Arbeiten: keine Wertung.
Positionen der Literatur sachlich wiedergeben, ohne einen Ansatz vorab zu bevorzugen.
Befunde darstellen, nicht deuten. Die Interpretation folgt erst in der Diskussion.
Das Fazit ist der Ort, an dem Sie Position beziehen – allerdings als Ergebnis Ihrer Analyse, nicht als Bekenntnis. Jede Aussage im Schlussteil muss sich auf ein Kapitel davor zurückführen lassen; neue Argumente gehören hier nicht mehr hin. Wie ein solcher Schlussteil aufgebaut ist, zeigt unser Ratgeber zum Fazit der Bachelorarbeit.
Eine klare Position braucht kein „ich finde". Die folgenden Formulierungen funktionieren in Hausarbeit, Bachelorarbeit und Masterarbeit gleichermaßen:
| # | Subjektiv | Wissenschaftlich |
|---|---|---|
| 1 | Ich finde, dass … | Die Analyse legt nahe, dass … |
| 2 | Meiner Meinung nach … | Auf Grundlage der dargestellten Befunde lässt sich argumentieren, dass … |
| 3 | Ich bin überzeugt … | Die vorliegenden Daten deuten darauf hin, dass … |
| 4 | Das sehe ich anders … | Dieser Befund widerspricht [Autor, Jahr], der/die … |
| 5 | Ich glaube, X ist besser … | Im Vergleich erklärt Modell X die Daten besser als Modell Y, weil … |
| 6 | Es ist offensichtlich, dass … | Die Ergebnisse verdeutlichen, dass … |
| 7 | Das halte ich für falsch … | Kritisch anzumerken ist, dass [Autor] den Aspekt Y nicht berücksichtigt … |
| 8 | Man sollte unbedingt … | Die Befunde sprechen dafür, X in weiteren Studien zu prüfen … |
| 9 | Das stimmt nicht … | Die empirische Evidenz stützt diese These nicht (vgl. [Autor, Jahr]) … |
| 10 | Abschließend finde ich … | Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass … |
Manche Betreuer schreiben ins Feedback: „Hier fehlt Ihre eigene Meinung." Gemeint ist fast nie ein persönliches Statement, sondern eine begründete Bewertung des Modells oder der Literatur, die Sie dargestellt haben. So setzen Sie das um:
Eine feste Quote für den Eigenanteil gibt es nicht – Prüfungsordnungen nennen keine Prozentzahl, und Gutachter zählen keine Seiten. Bewertet wird, ob Fragestellung, Quellenauswahl, Aufbau und Schlussfolgerungen erkennbar von Ihnen stammen. Wie das konkret aussieht, hängt vom Typ Ihrer Arbeit ab.
Ohne eigene Erhebung liegt die Eigenleistung in der Ordnung, die Sie in den Forschungsstand bringen: Sie stellen Autoren gegenüber, prüfen, wo sie übereinstimmen und wo nicht, legen die Annahmen hinter ihren Thesen offen und beziehen das Ergebnis auf Ihre Forschungsfrage.
Ohne Eigenleistung: Zwölf Studien werden nacheinander zusammengefasst.
Mit Eigenleistung: Dieselben Studien werden in einem Raster nach Tätigkeitsart und Messgröße sortiert. So lässt sich prüfen, ob positive Effekte etwa nur bei Studien mit objektiver Leistungsmessung auftreten – eine Frage, die keine Einzelstudie für sich beantwortet.
Hier ist die Eigenleistung leichter zu zeigen: Fragebogen oder Interviewleitfaden entwickeln, Daten erheben und bereinigen, auswerten – und die Ergebnisse an das theoretische Modell zurückbinden, statt sie mit persönlichen Eindrücken zu erklären.
Der letzte Punkt ist der häufigste: Wer jede Wertung vermeidet, verschenkt genau die Leistung, die bewertet wird.
In der Masterarbeit steigt der Maßstab: Erwartet wird ein eigener Forschungsbeitrag, häufig mit eigener Datenerhebung, begründeter Methodenwahl und einer Diskussion, die die Ergebnisse an den aktuellen Forschungsstand zurückbindet.
Wie viel Positionierung erwartet wird, hängt vom Fach und vom Prüfungsformat ab:
| Fach / Format | Was erwartet wird |
|---|---|
| Jura | Im Meinungsstreit müssen Sie sich für eine vertretbare Auffassung entscheiden und sie begründen – hier ist die eigene Stellungnahme Pflicht. |
| Philosophie, Theologie | Eigenständige Argumentation ist Kern des Fachs, muss aber logisch stringent sein. |
| Soziale Arbeit, Pädagogik | Reflexion der eigenen Praxis ist erwünscht, theoretische Kapitel bleiben wertfrei. |
| Naturwissenschaften, quantitative Psychologie, VWL | Streng datenbasiert; Bewertung nur als Interpretation der Ergebnisse. |
| Essay | Eine begründete eigene These ist das Ziel des Formats. |
| Reflexionsbericht, Praktikumsbericht | Ich-Form und persönliche Erfahrung sind ausdrücklich erlaubt. |
| Portfolioarbeit | Reflexive Teile verlangen eine eigene Einschätzung des Lernprozesses. |
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