Ich-Form in der Bachelorarbeit &
Masterarbeit: Erlaubt oder verboten?

Darf man in einer wissenschaftlichen Arbeit „ich" schreiben? Die kurze Antwort: Es gibt kein generelles Verbot – aber klare Regeln, wann die Ich-Form angemessen ist und wann nicht. Dieser Ratgeber erklärt die drei Ich-Typen, zeigt Alternativen und gibt fachspezifische Empfehlungen.

3 Ich-Typen erklärt
Wann erlaubt, wann nicht
Alternativen mit Beispielen
Fachspezifische Regeln
Umformulierungshilfen

1. Darf ich „ich" in meiner Bachelorarbeit schreiben?

Die Frage nach der Ich-Form gehört zu den häufigsten Unsicherheiten beim wissenschaftlichen Schreiben. Die Antwort ist differenzierter, als die meisten Studierenden erwarten:

Kein generelles Verbot

Ein offizielles Ich-Verbot existiert weder in der deutschen Wissenschaftstradition noch an den meisten Universitäten. Es handelt sich um eine Empfehlung, keine Regel.

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Meistens unerwünscht

In der Praxis raten die meisten Betreuer und Prüfungsordnungen davon ab, die Ich-Form im Fließtext zu verwenden. Wissenschaftliche Texte sollen objektiv und sachlich wirken.

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Betreuer entscheidet

Was zählt, ist die Vorgabe Ihres konkreten Betreuers und die Prüfungsordnung Ihres Fachbereichs. Fragen Sie vor dem Schreiben – nicht danach.

💡 Warum wird die Ich-Form vermieden?

Die wissenschaftliche Tradition im deutschsprachigen Raum betont Objektivität und Nachprüfbarkeit. Ergebnisse sollen sich aus der Argumentation und den Daten ergeben – nicht aus der persönlichen Meinung des Verfassers. Die Ich-Form rückt den Autor in den Vordergrund und kann den Eindruck erwecken, dass Schlussfolgerungen subjektiv statt evidenzbasiert sind. Deshalb bevorzugen die meisten Fachbereiche einen unpersönlichen Stil – besonders in naturwissenschaftlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten.

Übrigens: Im angloamerikanischen Raum ist die Ich-Form in wissenschaftlichen Texten deutlich verbreiteter. Falls Sie Ihre Arbeit auf Englisch schreiben, gelten dort teilweise andere Konventionen.

2. Die 3 Ich-Typen in wissenschaftlichen Arbeiten

Nicht jedes „ich" ist gleich. In der Schreibforschung werden drei Typen unterschieden – und nur einer davon ist problematisch:

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1. Das Verfasser-Ich

✅ Wissenschaftlich akzeptiert

Das Verfasser-Ich beschreibt das eigene methodische Vorgehen und die Textstruktur. Es erklärt, was der Autor getan hat und wie die Arbeit aufgebaut ist – ohne subjektive Wertung.

Beispiele Verfasser-Ich

„Im folgenden Kapitel stelle ich die Methodik der Untersuchung vor." · „Ich habe für diese Arbeit 15 leitfadengestützte Interviews durchgeführt." · „Aus den genannten Gründen werde ich diesen Ansatz nicht weiter verfolgen."

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2. Das Forscher-Ich

⚠️ Mit Vorsicht verwenden

Das Forscher-Ich positioniert sich wissenschaftlich – es begründet Standpunkte, zieht Schlussfolgerungen und ordnet ein. Es basiert auf Argumentation und Evidenz, nicht auf persönlicher Meinung. In vielen Fachbereichen akzeptiert, aber nur sparsam einsetzen.

Beispiele Forscher-Ich

„Ich vertrete die These, dass das Modell von Bandura hier besser geeignet ist, weil …" · „Auf Basis der Ergebnisse schlussfolgere ich, dass …" · „Ich argumentiere, dass die bisherige Forschung diesen Aspekt vernachlässigt hat."

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3. Das Erzähl-Ich

❌ Nicht wissenschaftlich

Das Erzähl-Ich berichtet autobiografisch, äußert persönliche Meinungen oder Emotionen. Es stellt das eigene Erleben in den Vordergrund statt wissenschaftlicher Argumentation. Diese Form gilt in allen Fachbereichen als unsachlich und unwissenschaftlich.

❌ Beispiele Erzähl-Ich:
„Ich finde, dass Freud recht hat." · „Dieses Thema habe ich gewählt, weil es mich persönlich fasziniert." · „Meiner Meinung nach ist diese Theorie die beste." · „Ich war überrascht, dass die Ergebnisse so ausgefallen sind."

⚠️ Die Faustregel

Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr „ich" ein Verfasser-Ich, Forscher-Ich oder Erzähl-Ich ist, stellen Sie sich diese Frage: Könnte eine andere Person an meiner Stelle denselben Satz schreiben? Wenn ja (weil er methodisch oder argumentativ begründet ist), ist das „ich" in Ordnung. Wenn nein (weil er auf persönlichem Empfinden basiert), formulieren Sie um.

3. 5 Alternativen zur Ich-Form

Die gute Nachricht: Fast jeder Satz mit „ich" lässt sich umformulieren – ohne dass der Inhalt verloren geht. Hier sind die fünf gängigsten Strategien:

Strategie❌ Mit Ich-Form✅ Umformuliert
1. Passiv „Ich habe 200 Personen befragt." „Es wurden 200 Personen befragt."
2. Nominalisierung „Ich schlussfolgere, dass …" „Die Schlussfolgerung lautet, dass …"
3. Personifikation „Ich untersuche in dieser Arbeit …" „Die vorliegende Arbeit untersucht …"
4. „lassen sich" „Ich kann daraus keine Aussage treffen." „Hierzu lässt sich keine Aussage treffen."
5. Unpersönliches Subjekt „Ich habe die Daten mit SPSS ausgewertet." „Die Datenauswertung erfolgte mit SPSS."

💡 Tipp: Nicht nur Passiv verwenden

Ein häufiger Fehler: Studierende ersetzen jedes „ich" durch eine Passivkonstruktion. Das Ergebnis liest sich steif und monoton. Variieren Sie zwischen den fünf Strategien – das macht den Text lebendiger und professioneller. Die Personifikation („Die vorliegende Arbeit …", „Kapitel 3 zeigt …") ist stilistisch oft eleganter als reines Passiv.

4. Vorher/Nachher: 8 typische Sätze umformuliert

Hier sehen Sie die häufigsten Sätze aus Bachelorarbeiten und Masterarbeiten, die mit und ohne Ich-Form geschrieben werden können:

❌ Mit Ich-Form

„Ich habe mich für dieses Thema entschieden, weil …"

✅ Umformuliert

„Die Relevanz des Themas ergibt sich aus …"

❌ Mit Ich-Form

„Im nächsten Kapitel beschreibe ich die Methodik."

✅ Umformuliert

„Das folgende Kapitel beschreibt die Methodik."

❌ Mit Ich-Form

„Ich habe die Daten mit SPSS analysiert."

✅ Umformuliert

„Die Datenanalyse erfolgte mittels SPSS."

❌ Mit Ich-Form

„Ich bin der Meinung, dass die Theorie von Maslow veraltet ist."

✅ Umformuliert

„Die Theorie von Maslow wird in der aktuellen Forschung zunehmend kritisiert (vgl. Smith, 2022)."

❌ Mit Ich-Form

„Zusammenfassend stelle ich fest, dass …"

✅ Umformuliert

„Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass …"

❌ Mit Ich-Form

„Ich habe 15 Interviews geführt."

✅ Umformuliert

„Im Rahmen der Erhebung wurden 15 leitfadengestützte Interviews durchgeführt."

❌ Mit Ich-Form

„Den Umfragebogen können Sie im Anhang einsehen."

✅ Umformuliert

„Der Umfragebogen ist im Anhang einsehbar."

❌ Mit Ich-Form

„Wir haben in unserer Studie festgestellt, dass …"

✅ Umformuliert

„Die Studie zeigt, dass …" / „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass …"

5. Fachspezifische Regeln: Wo „ich" erlaubt ist – und wo nicht

Die Akzeptanz der Ich-Form variiert stark zwischen den Fachbereichen. Hier ein Überblick:

FachbereichIch-Form?Begründung
BWL / VWL ❌ Eher vermeiden Streng objektiver Stil erwartet. Prüfungsordnungen vieler BWL-Fakultäten raten explizit davon ab.
Jura ❌ Vermeiden Im Gutachtenstil ist unpersönliche Sprache zwingend. „Es ist festzustellen, dass …" statt „Ich stelle fest …"
Naturwissenschaften ❌ Vermeiden Passiv-Stil ist Standard. „Es wurde gemessen …", „Die Lösung wurde erhitzt …" (vgl. Versuchsprotokoll)
Informatik ⚠️ Variabel Deutschsprachige Arbeiten: eher vermeiden. Englischsprachige Arbeiten: Ich-Form häufiger akzeptiert.
Psychologie ⚠️ Variabel APA-Richtlinien erlauben die erste Person für methodische Beschreibungen. Im Deutschen trotzdem oft Passiv bevorzugt.
Soziale Arbeit ✅ Oft erwünscht In Reflexionen und Praxisberichten ist die Ich-Form explizit gefordert. Im Theorieteil: unpersönlich.
Pädagogik / Lehramt ✅ In Reflexionsteilen Unterrichtsreflexionen und Portfolios erfordern die Ich-Perspektive. Theoretischer Rahmen: unpersönlich.
Pflegewissenschaften ✅ In Fallreflexionen Klinische Fallreflexionen und Praxisberichte nutzen die Ich-Form. Empirische Teile: Passiv.
Philosophie ✅ Üblich Die philosophische Tradition erlaubt und erwartet die Ich-Form zur Positionierung: „Ich argumentiere …", „Ich vertrete die These …"
Germanistik / Literaturwissenschaft ⚠️ Variabel In Interpretationen teilweise akzeptiert. Studie von Steinhoff (2007): In 60 % der geisteswiss. Aufsätze kommt „ich" mindestens einmal vor.

6. Wo „ich" explizit erlaubt oder erwünscht ist

Es gibt Textstellen und Textarten, in denen die Ich-Form nicht nur akzeptiert, sondern sogar erwartet wird:

🙏

Danksagung

In der Danksagung der Bachelorarbeit oder der Danksagung der Masterarbeit ist die Ich-Form Standard: „Ich danke meinem Betreuer Prof. Müller für die hervorragende Betreuung."

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Vorwort

Das Vorwort ist ein persönlicher Text und darf in der Ich-Form geschrieben werden: „In dieser Arbeit möchte ich untersuchen, wie …" – allerdings hat die Einleitung (die zum wissenschaftlichen Text gehört) andere Regeln.

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Reflexionen & Praxisberichte

In Reflexionsberichten, Praktikumsberichten und Portfolios ist die Ich-Perspektive unverzichtbar – Sie reflektieren über Ihre eigene Erfahrung.

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Eidesstattliche Erklärung

Die eidesstattliche Erklärung am Ende jeder Abschlussarbeit wird immer in der Ich-Form geschrieben: „Ich erkläre hiermit, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig angefertigt habe."

Häufig gestellte Fragen

Wird mir die Ich-Form als Fehler angerechnet?

Das kommt auf Ihren Betreuer an. Einige Prüfer bewerten die Verwendung der Ich-Form als stilistischen Mangel, der sich auf die Note auswirkt – besonders in BWL, Jura und den Naturwissenschaften. Andere (vor allem in den Geisteswissenschaften) sehen es gelassener. Fragen Sie Ihren Betreuer vor dem Schreiben nach den Erwartungen. Wenn Sie keine eindeutige Antwort erhalten, sind Sie mit dem unpersönlichen Stil auf der sicheren Seite.

Darf ich „man" statt „ich" verwenden?

Besser nicht. „Man" ist zwar unpersönlich, aber auch unpräzise – es bleibt unklar, wer genau gemeint ist. In der Wissenschaft wird Präzision erwartet. Statt „Man kann daraus schließen, dass …" schreiben Sie besser: „Daraus lässt sich schließen, dass …" oder „Die Ergebnisse legen nahe, dass …". Die Alternative „man" tauscht ein Problem (Subjektivität) gegen ein anderes (Vagheit).

Darf ich „wir" verwenden, wenn ich allein geschrieben habe?

Nein – das sogenannte „Pluralis Majestatis" („wir" für eine Einzelperson) gilt im Deutschen als veraltet und wird in modernen wissenschaftlichen Arbeiten nicht mehr empfohlen. Wenn Sie die Arbeit allein verfasst haben, schreiben Sie nicht „Wir haben untersucht …", sondern „Es wurde untersucht …". Ausnahme: Wenn Sie die Arbeit tatsächlich zu zweit geschrieben haben (Gruppenarbeit), ist „wir" korrekt.

Darf ich im Fazit meine eigene Meinung äußern?

Im Fazit fassen Sie Ihre Ergebnisse zusammen und ziehen Schlussfolgerungen – das ist aber keine persönliche Meinung, sondern eine evidenzbasierte Einschätzung. Statt „Ich bin der Meinung, dass …" schreiben Sie: „Auf Basis der Ergebnisse zeigt sich, dass …" oder „Die Untersuchung legt nahe, dass …". Ein persönlicher Ausblick ist in manchen Fachbereichen im Schlusskapitel erlaubt – aber formulieren Sie ihn vorsichtig und faktenbasiert.

Wie formuliere ich die Einleitung ohne „ich"?

Die Einleitung lässt sich gut ohne Ich-Form schreiben. Statt „In meiner Arbeit untersuche ich …" schreiben Sie: „Die vorliegende Arbeit untersucht …" / „Ziel dieser Arbeit ist es, …" / „Im Fokus der Untersuchung steht …". Statt „Ich gehe der Frage nach …": „Es wird der Frage nachgegangen …" oder „Die zentrale Forschungsfrage lautet: …".

Kann ein Lektor die Ich-Form nachträglich entfernen?

Ja – ein professionelles Lektorat prüft unter anderem den wissenschaftlichen Schreibstil und formuliert Sätze mit unangemessener Ich-Form um. Unser Lektorat für Bachelorarbeiten und Lektorat für Masterarbeiten achtet gezielt auf stilistische Konsistenz, Passivkonstruktionen und die Vermeidung subjektiver Formulierungen.

Unsicher beim wissenschaftlichen Schreiben?

Ob Formulierungsfragen, Stilprobleme oder die komplette Erstellung einer Mustervorlage – unsere Ghostwriter und Lektoren mit akademischem Hintergrund unterstützen Sie in jedem Fachbereich.

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