Darf man in einer wissenschaftlichen Arbeit „ich" schreiben? Die kurze Antwort: Es gibt kein generelles Verbot – aber klare Regeln, wann die Ich-Form angemessen ist und wann nicht. Dieser Ratgeber erklärt die drei Ich-Typen, zeigt Alternativen und gibt fachspezifische Empfehlungen.
Ein generelles Verbot der Ich-Form existiert nicht. Die meisten Universitäten empfehlen jedoch, Personalpronomen wie „ich", „wir" und „man" in wissenschaftlichen Arbeiten zu vermeiden – zugunsten eines unpersönlichen, sachlichen Stils. Ausnahmen gelten für: Danksagungen und Vorworte (Ich-Form erwünscht), Reflexionen und Praxisberichte (z. B. Soziale Arbeit, Pflege, Lehramt) sowie die wissenschaftliche Positionierung („Ich vertrete die These, dass …"). Statt „Ich habe untersucht" formulieren Sie: „Es wurde untersucht" (Passiv), „Die vorliegende Arbeit untersucht" (Personifikation) oder „Die Untersuchung ergab" (Nominalisierung). Entscheidend ist immer die Prüfungsordnung Ihres Fachbereichs – fragen Sie im Zweifel Ihren Betreuer.
Die Frage nach der Ich-Form gehört zu den häufigsten Unsicherheiten beim wissenschaftlichen Schreiben. Die Antwort ist differenzierter, als die meisten Studierenden erwarten:
Ein offizielles Ich-Verbot existiert weder in der deutschen Wissenschaftstradition noch an den meisten Universitäten. Es handelt sich um eine Empfehlung, keine Regel.
In der Praxis raten die meisten Betreuer und Prüfungsordnungen davon ab, die Ich-Form im Fließtext zu verwenden. Wissenschaftliche Texte sollen objektiv und sachlich wirken.
Was zählt, ist die Vorgabe Ihres konkreten Betreuers und die Prüfungsordnung Ihres Fachbereichs. Fragen Sie vor dem Schreiben – nicht danach.
Die wissenschaftliche Tradition im deutschsprachigen Raum betont Objektivität und Nachprüfbarkeit. Ergebnisse sollen sich aus der Argumentation und den Daten ergeben – nicht aus der persönlichen Meinung des Verfassers. Die Ich-Form rückt den Autor in den Vordergrund und kann den Eindruck erwecken, dass Schlussfolgerungen subjektiv statt evidenzbasiert sind. Deshalb bevorzugen die meisten Fachbereiche einen unpersönlichen Stil – besonders in naturwissenschaftlichen und wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten.
Übrigens: Im angloamerikanischen Raum ist die Ich-Form in wissenschaftlichen Texten deutlich verbreiteter. Falls Sie Ihre Arbeit auf Englisch schreiben, gelten dort teilweise andere Konventionen.
Nicht jedes „ich" ist gleich. In der Schreibforschung werden drei Typen unterschieden – und nur einer davon ist problematisch:
Das Verfasser-Ich beschreibt das eigene methodische Vorgehen und die Textstruktur. Es erklärt, was der Autor getan hat und wie die Arbeit aufgebaut ist – ohne subjektive Wertung.
„Im folgenden Kapitel stelle ich die Methodik der Untersuchung vor." · „Ich habe für diese Arbeit 15 leitfadengestützte Interviews durchgeführt." · „Aus den genannten Gründen werde ich diesen Ansatz nicht weiter verfolgen."
Das Forscher-Ich positioniert sich wissenschaftlich – es begründet Standpunkte, zieht Schlussfolgerungen und ordnet ein. Es basiert auf Argumentation und Evidenz, nicht auf persönlicher Meinung. In vielen Fachbereichen akzeptiert, aber nur sparsam einsetzen.
„Ich vertrete die These, dass das Modell von Bandura hier besser geeignet ist, weil …" · „Auf Basis der Ergebnisse schlussfolgere ich, dass …" · „Ich argumentiere, dass die bisherige Forschung diesen Aspekt vernachlässigt hat."
Das Erzähl-Ich berichtet autobiografisch, äußert persönliche Meinungen oder Emotionen. Es stellt das eigene Erleben in den Vordergrund statt wissenschaftlicher Argumentation. Diese Form gilt in allen Fachbereichen als unsachlich und unwissenschaftlich.
❌ Beispiele Erzähl-Ich:
„Ich finde, dass Freud recht hat." · „Dieses Thema habe ich gewählt, weil es mich persönlich fasziniert." · „Meiner Meinung nach ist diese Theorie die beste." · „Ich war überrascht, dass die Ergebnisse so ausgefallen sind."
Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr „ich" ein Verfasser-Ich, Forscher-Ich oder Erzähl-Ich ist, stellen Sie sich diese Frage: Könnte eine andere Person an meiner Stelle denselben Satz schreiben? Wenn ja (weil er methodisch oder argumentativ begründet ist), ist das „ich" in Ordnung. Wenn nein (weil er auf persönlichem Empfinden basiert), formulieren Sie um.
Die gute Nachricht: Fast jeder Satz mit „ich" lässt sich umformulieren – ohne dass der Inhalt verloren geht. Hier sind die fünf gängigsten Strategien:
| Strategie | ❌ Mit Ich-Form | ✅ Umformuliert |
|---|---|---|
| 1. Passiv | „Ich habe 200 Personen befragt." | „Es wurden 200 Personen befragt." |
| 2. Nominalisierung | „Ich schlussfolgere, dass …" | „Die Schlussfolgerung lautet, dass …" |
| 3. Personifikation | „Ich untersuche in dieser Arbeit …" | „Die vorliegende Arbeit untersucht …" |
| 4. „lassen sich" | „Ich kann daraus keine Aussage treffen." | „Hierzu lässt sich keine Aussage treffen." |
| 5. Unpersönliches Subjekt | „Ich habe die Daten mit SPSS ausgewertet." | „Die Datenauswertung erfolgte mit SPSS." |
Ein häufiger Fehler: Studierende ersetzen jedes „ich" durch eine Passivkonstruktion. Das Ergebnis liest sich steif und monoton. Variieren Sie zwischen den fünf Strategien – das macht den Text lebendiger und professioneller. Die Personifikation („Die vorliegende Arbeit …", „Kapitel 3 zeigt …") ist stilistisch oft eleganter als reines Passiv.
Hier sehen Sie die häufigsten Sätze aus Bachelorarbeiten und Masterarbeiten, die mit und ohne Ich-Form geschrieben werden können:
„Ich habe mich für dieses Thema entschieden, weil …"
„Die Relevanz des Themas ergibt sich aus …"
„Im nächsten Kapitel beschreibe ich die Methodik."
„Das folgende Kapitel beschreibt die Methodik."
„Ich habe die Daten mit SPSS analysiert."
„Die Datenanalyse erfolgte mittels SPSS."
„Ich bin der Meinung, dass die Theorie von Maslow veraltet ist."
„Die Theorie von Maslow wird in der aktuellen Forschung zunehmend kritisiert (vgl. Smith, 2022)."
„Zusammenfassend stelle ich fest, dass …"
„Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass …"
„Ich habe 15 Interviews geführt."
„Im Rahmen der Erhebung wurden 15 leitfadengestützte Interviews durchgeführt."
„Den Umfragebogen können Sie im Anhang einsehen."
„Der Umfragebogen ist im Anhang einsehbar."
„Wir haben in unserer Studie festgestellt, dass …"
„Die Studie zeigt, dass …" / „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass …"
Die Akzeptanz der Ich-Form variiert stark zwischen den Fachbereichen. Hier ein Überblick:
| Fachbereich | Ich-Form? | Begründung |
|---|---|---|
| BWL / VWL | ❌ Eher vermeiden | Streng objektiver Stil erwartet. Prüfungsordnungen vieler BWL-Fakultäten raten explizit davon ab. |
| Jura | ❌ Vermeiden | Im Gutachtenstil ist unpersönliche Sprache zwingend. „Es ist festzustellen, dass …" statt „Ich stelle fest …" |
| Naturwissenschaften | ❌ Vermeiden | Passiv-Stil ist Standard. „Es wurde gemessen …", „Die Lösung wurde erhitzt …" (vgl. Versuchsprotokoll) |
| Informatik | ⚠️ Variabel | Deutschsprachige Arbeiten: eher vermeiden. Englischsprachige Arbeiten: Ich-Form häufiger akzeptiert. |
| Psychologie | ⚠️ Variabel | APA-Richtlinien erlauben die erste Person für methodische Beschreibungen. Im Deutschen trotzdem oft Passiv bevorzugt. |
| Soziale Arbeit | ✅ Oft erwünscht | In Reflexionen und Praxisberichten ist die Ich-Form explizit gefordert. Im Theorieteil: unpersönlich. |
| Pädagogik / Lehramt | ✅ In Reflexionsteilen | Unterrichtsreflexionen und Portfolios erfordern die Ich-Perspektive. Theoretischer Rahmen: unpersönlich. |
| Pflegewissenschaften | ✅ In Fallreflexionen | Klinische Fallreflexionen und Praxisberichte nutzen die Ich-Form. Empirische Teile: Passiv. |
| Philosophie | ✅ Üblich | Die philosophische Tradition erlaubt und erwartet die Ich-Form zur Positionierung: „Ich argumentiere …", „Ich vertrete die These …" |
| Germanistik / Literaturwissenschaft | ⚠️ Variabel | In Interpretationen teilweise akzeptiert. Studie von Steinhoff (2007): In 60 % der geisteswiss. Aufsätze kommt „ich" mindestens einmal vor. |
Es gibt Textstellen und Textarten, in denen die Ich-Form nicht nur akzeptiert, sondern sogar erwartet wird:
In der Danksagung der Bachelorarbeit oder der Danksagung der Masterarbeit ist die Ich-Form Standard: „Ich danke meinem Betreuer Prof. Müller für die hervorragende Betreuung."
Das Vorwort ist ein persönlicher Text und darf in der Ich-Form geschrieben werden: „In dieser Arbeit möchte ich untersuchen, wie …" – allerdings hat die Einleitung (die zum wissenschaftlichen Text gehört) andere Regeln.
In Reflexionsberichten, Praktikumsberichten und Portfolios ist die Ich-Perspektive unverzichtbar – Sie reflektieren über Ihre eigene Erfahrung.
Die eidesstattliche Erklärung am Ende jeder Abschlussarbeit wird immer in der Ich-Form geschrieben: „Ich erkläre hiermit, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig angefertigt habe."
Das kommt auf Ihren Betreuer an. Einige Prüfer bewerten die Verwendung der Ich-Form als stilistischen Mangel, der sich auf die Note auswirkt – besonders in BWL, Jura und den Naturwissenschaften. Andere (vor allem in den Geisteswissenschaften) sehen es gelassener. Fragen Sie Ihren Betreuer vor dem Schreiben nach den Erwartungen. Wenn Sie keine eindeutige Antwort erhalten, sind Sie mit dem unpersönlichen Stil auf der sicheren Seite.
Besser nicht. „Man" ist zwar unpersönlich, aber auch unpräzise – es bleibt unklar, wer genau gemeint ist. In der Wissenschaft wird Präzision erwartet. Statt „Man kann daraus schließen, dass …" schreiben Sie besser: „Daraus lässt sich schließen, dass …" oder „Die Ergebnisse legen nahe, dass …". Die Alternative „man" tauscht ein Problem (Subjektivität) gegen ein anderes (Vagheit).
Nein – das sogenannte „Pluralis Majestatis" („wir" für eine Einzelperson) gilt im Deutschen als veraltet und wird in modernen wissenschaftlichen Arbeiten nicht mehr empfohlen. Wenn Sie die Arbeit allein verfasst haben, schreiben Sie nicht „Wir haben untersucht …", sondern „Es wurde untersucht …". Ausnahme: Wenn Sie die Arbeit tatsächlich zu zweit geschrieben haben (Gruppenarbeit), ist „wir" korrekt.
Im Fazit fassen Sie Ihre Ergebnisse zusammen und ziehen Schlussfolgerungen – das ist aber keine persönliche Meinung, sondern eine evidenzbasierte Einschätzung. Statt „Ich bin der Meinung, dass …" schreiben Sie: „Auf Basis der Ergebnisse zeigt sich, dass …" oder „Die Untersuchung legt nahe, dass …". Ein persönlicher Ausblick ist in manchen Fachbereichen im Schlusskapitel erlaubt – aber formulieren Sie ihn vorsichtig und faktenbasiert.
Die Einleitung lässt sich gut ohne Ich-Form schreiben. Statt „In meiner Arbeit untersuche ich …" schreiben Sie: „Die vorliegende Arbeit untersucht …" / „Ziel dieser Arbeit ist es, …" / „Im Fokus der Untersuchung steht …". Statt „Ich gehe der Frage nach …": „Es wird der Frage nachgegangen …" oder „Die zentrale Forschungsfrage lautet: …".
Ja – ein professionelles Lektorat prüft unter anderem den wissenschaftlichen Schreibstil und formuliert Sätze mit unangemessener Ich-Form um. Unser Lektorat für Bachelorarbeiten und Lektorat für Masterarbeiten achtet gezielt auf stilistische Konsistenz, Passivkonstruktionen und die Vermeidung subjektiver Formulierungen.
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